Die Weltwirtschaft befindet sich weiterhin in einem dynamischen Aufschwung mit voraussichtlich überdurchschnittlichen Wachstumsraten. Das ifo-Institut geht in seinen jüngsten Prognosen von einem globalen Wachstum in Höhe von 6,6 in diesem und 4,2 Prozent im kommenden Jahr aus.

 

Für Deutschland werden 3,3 bzw. 4,3 Prozent Wachstum veranschlagt – wobei der Wert zuletzt sogar leicht nach unten revidiert wurde. Hintergrund sind die immer stärker auftretenden Produktionsbeschränkungen durch lange Lieferzeiten, fehlende Zulieferungen und Rohstoffe sowie die zum Teil hohen Kostensteigerungen in weiten Teilen der Industrie. Die erhöhten Kosten können von den Unternehmen allerdings zu einem großen Teil an die Endverbraucher weitergereicht werden, wie Umfragen des ifo-Instituts bestätigen, und belasten daher nur teilweise die Gewinnmargen.

 

Viele Dienstleistungssektoren in Europa können angesichts zunehmender Lockerungen von Shutdown-Maßnahmen ihre Produktion gerade erst wieder hochfahren, wodurch wachstumsbremsende Kapazitätsengpässe in der Industrie gesamtwirtschaftlich teilweise kompensiert werden. Es ist davon auszugehen, dass in diesem Zuge der sich in den letzten Monaten aufgebaute Konsumstau entladen wird und in diesem Umfeld auch Dienstleister in der Lage sein werden, höhere Endverbraucherpreise zu veranschlagen.

 

Auch wegen der steigenden Kosten und dem genutzten Preiserhöhungsspielraum von Unternehmen sind die Inflationsraten im Mai deutlich angestiegen, in der Eurozone auf 2,0, in Deutschland auf 2,5 und in den USA sogar auf 5 Prozent. Zusätzlich angeschoben wurden die Preissteigerungsraten durch Basiseffekte aufgrund des Vergleichs der aktuellen Preise mit historischen Tiefstniveaus im Zuge der Coronakrise im vergangenen Jahr, bspw. bei Energie. Zudem gab es in Deutschland einige relevante Einmaleffekte wie die Wiedererhöhung der Mehrwertsteuer und die Einführung der CO2-Abgabe.

 

Da allerdings die Kapazitätsengpässe nicht kurzfristig abgebaut werden können, sondern teilweise noch bis zum Jahresende anhalten dürften, ist im laufenden Jahr weiterhin mit erhöhten Inflationsraten zu rechnen. Im Jahresdurchschnitt könnte eine Preissteigerungsrate in Höhe von 2,0 bis 2,5 Prozent oder auch darüber erreicht werden. Da allerdings die Kernrate der Inflation – ohne die schwankungsanfälligen Komponenten Energie und Nahrungsmittel –  in der Eurozone noch bei niedrigen 1 Prozent verharrt, und der derzeitige Inflationsanstieg als nur temporär angesehen wird, sieht sich die EZB noch nicht unter Zugzwang und hat entsprechend eine unverändert expansive geldpolitische Ausrichtung für die kommenden Monate angekündigt.

 

Die US-Notenbank Fed hingegen hat jüngst vermeldet, dass man über die Reduzierung von Wertpapierkaufvolumina (Tapering) zumindest schon einmal gesprochen habe. Zudem wird mittlerweile von ersten Leitzinserhöhungen für 2023 und damit früher als bisher erwartet ausgegangen. Hintergrund ist auch die in den USA mit 5 Prozent zuletzt deutlich höher vermeldete Inflationsrate bei gleichzeitig sehr dynamischen Wachstumserwartungen.

 

Als Reaktion legte der Kurs des US-Dollar im Vergleich zum Euro um 2 Cent von 1,21 auf 1,19 EUR/USD zu. Sowohl die Gold- als auch die Rohölnotierungen rutschten im Zuge des festeren US-Dollar und durch die veränderten Zinsperspektiven ab. Der zwischenzeitliche Renditeanstieg bei zehnjährigen US-Staatsanleihen relativierte sich allerdings mittlerweile mit einem erneuten Abrutschen unter die Marke von 1,50 Prozent p.a.

 

Da die Perspektive eines zunächst noch anhaltenden Niedrigzinsniveaus sowohl für den Euro- als auch den US-Dollarraum in den kommenden Monaten erhalten bleibt, und eine im Vergleich zum ersten Halbjahr 2021 verbesserte Wachstumsdynamik aufgrund der Öffnungen von Shutdown-Maßnahmen eher in der Eurozone zu erwarten sind, gehen wir von einem wieder festeren Euro in den kommenden Monaten aus. Auch die Edelmetall-Notierungen dürften aufgrund anhaltend negativer Realzinsen künftig wieder zulegen.

 

Das größte Risiko für die konjunkturelle Entwicklung in den kommenden Monaten bleiben mögliche Rückschläge beim Verlauf der Corona-Pandemie, insbesondere aufgrund von Virusvarianten. Ein Beispiel dafür ist die aktuelle Entwicklung in Großbritannien wo aufgrund erneut zunehmender Neufallzahlen trotz hoher Impfniveaus für Mitte Juni vorgesehene Lockerungen um 4 Wochen verschoben wurden.

 

 

Börsen im Mai: zumeist freundlich

Das Kapitalmarktumfeld: Hoffen auf Lockerungen – Angst vor Virusvarianten

Sowohl in Europa als auch in den USA sanken die Corona-Neufallzahlen zuletzt deutlich, während die Impfquoten weiter anstiegen. Entsprechend wurden bereits wesentliche Lockerungen bestehender Shutdown-Maßnahmen umgesetzt und weitere vielfach angekündigt. Damit rückt die Perspektive eines breiten, nahezu alle Segmente umfassenden Aufschwungs in Europa in greifbare Nähe. Vor allem die von den Shutdowns besonders betroffenen Branchen des sozialen Konsums dürften über das Sommerhalbjahr hinweg von der Rückkehr ihrer Kunden bzw. dem Abbau eines Teils des in der Coronakrise aufgestauten Konsums profitieren. Allerdings bleibt kurzfristig das Risiko, dass sich die positive Infektionsdynamik auch wieder umkehren kann. Anzeichen dafür gibt es derzeit in Großbritannien, wo die Anzahl der neuen positiven Fallzahlen zuletzt wieder leicht anzog – trotz einer vergleichsweise hohen Anzahl mindestens einmal geimpfter Personen an der Gesamtbevölkerung von etwa 60 Prozent. Verantwortlich dafür dürfte unter anderem das vermehrte Auftreten der indischen, ansteckenderen Virus-Variante sein. In Indien und einigen anderen Regionen Asiens inkl. Japan sind weiterhin deutlich erhöhte und überwiegend zunehmende Corona-Neufallzahlen zu verzeichnen.

Die jüngsten Veröffentlichungen von Einkaufsmanagerindizes zeigen weltweit eine anhaltend hohe Produktionsdynamik. Vor allem Umfragen unter Dienstleistungsunternehmen in Europa spiegeln die coronabedingt steigende Zuversicht wider. Anhaltend positiv blicken auch Industrieunternehmen in die Zukunft. Allerdings wurde erneut von verstärkten Zulieferverzögerungen bei vielen Rohstoffen und Vorprodukten berichtet, die teils zu extremen Kostensteigerungen und – bspw. in der Automobilindustrie – zu immer mehr Produktionskürzungen führen.

Unternehmen können steigende Produktionskosten zumindest teilweise auf die Endverbraucherpreise überwälzen, wodurch die aufgrund von Basiseffekten (im Frühjahr v.a. energiepreisbedingt durch den Vergleich mit den historischen Tiefstkursen des Vorjahres) ohnehin deutlich steigende Inflation weiter angetrieben wird. So zogen die Verbraucherpreise in Deutschland im Mai um voraussichtlich 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr an. In den USA lag schon die April-Inflationsrate mit 4,2 Prozent deutlich höher. Trotzdem wird die US-Notenbank Fed an dem expansiven geldpolitischen Kurs vorerst festhalten, denn der Arbeitsmarktbericht für April überraschte mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf 6,1% negativ.

Zinsen: überwiegend stabil

Trotz deutlich zunehmender Inflationsperspektiven rentierte eine zehnjährige Bundesanleihe Ende Mai kaum verändert bei -0,18 Prozent p.a. Bei längeren Laufzeiten zogen die Renditen leicht auf 0,12 (15 Jahre) und 0,38 Prozent p.a. (30 Jahre) an. Auch in den USA gab es keine nennenswerte Bewegung der Zinskurve mit einer Rendite in Höhe von 1,58 Prozent p.a. bei zehnjährigen Staatsanleihen. Einen leichten Renditeanstieg hatten Euro-Unternehmensanleihen zu verzeichnen.

Aktien: vielfach neue Allzeithochs

Nach zwei kleineren Rücksetzern unter die Marke von 15.000 Punkten Anfang und Mitte Mai notierte der deutsche Leitindex DAX überwiegend in der Nähe seines Allzeithochs bei knapp 15.600 Punkten und konnte damit per Saldo gegenüber dem Vormonat um gut 2 Prozent zulegen. Noch besser entwickelten sich im Angesicht der Lockerungen und im Zuge zumeist positiver Berichte über die Gewinne im ersten Quartal die Leitindizes aus Italien, Frankreich und Spanien. Der auch stark auf zyklische Aktien und damit Profiteure der konjunkturellen Erholung fokussierte US-Aktienindex Dow Jones Industrial Average notierte Ende Mai mit 34.500 Punkten ebenfalls nahe seines kurz zuvor erreichten Allzeithöchststands, während der Technologieindex NASDAQ 100 leicht nachgab.

Währungen: Euro erneut fester gegenüber dem US-Dollar

Der Euro wertete im Vergleich zum US-Dollar weiter auf und notierte Ende Mai bei 1,22 EUR/USD. Unterstützt wurde die Gemeinschaftswährung durch die Aussicht auf eine Dynamisierung der europäischen Wirtschaft im 2. Halbjahr sowie durch die noch nicht absehbare Zinswende in den USA.

Rohstoffe: deutliche Kursgewinne

Der Preis für ein Barrel Rohöl der Sorte Brent stieg deutlich auf knapp 70 US-Dollar. Noch stärker zogen die Preise für Gold und Silber an und konnten die Marken von 1.900 bzw. 28 US-Dollar überschreiten.

Implikationen für Anleger

Die Perspektiven für die weltweiten Aktienbörsen bleiben grundsätzlich positiv, vor allem aufgrund der Aussicht auf weit überdurchschnittliche Wachstumsraten sowohl in diesem als auch im nächsten Jahr. Allerdings dürfte es einigen Unternehmen zunehmend schwerer fallen, die hoch gesteckten Erwartungen in den kommenden Quartalen ähnlich deutlich wie im ersten Quartal zu erreichen oder sogar zu übertreffen. Zwar wird die Nachfrage weiterhin robust ausfallen, allerdings muss die Produktion aufgrund von Kapazitätsengpässen vielfach bereits deutlich gedrosselt werden – zunehmend auch in der Bauindustrie – und wird die Ergebnisse einiger Unternehmen belasten. Das Kernrisiko bleibt vorerst allerdings der weitere Verlauf der Corona-Pandemie. Trotz erfreulicher Impffortschritte in Europa, ist die Wahrscheinlichkeit, dass aufgrund des Auftretens von ansteckenderen Virusvarianten erneut Lockdowns implementiert werden müssen, durch die sich verschlechternde Situation in einigen Regionen Asiens zumindest gestiegen. Auf der Zinsseite hingegen richtet sich der Fokus der Anleger auf die jeweils neuesten Inflationsmeldungen, die vorerst anhaltend erhöhte Preissteigerungsraten nahelegen. Bisher bleiben sowohl die Europäische Zentralbank EZB als auch die US-Notenbank Fed bei ihrem ultra-expansiven Kurs und betonen den aus ihrer Sicht nur temporären Charakter des Inflationsanstiegs. Anders als im Mai stehen für beide Notenbanken im Juni Zinsentscheide auf der Agenda. Gut möglich, dass zumindest die Fed schon einmal sehr vorsichtig darauf vorbereitet, dass die Leitzinsen doch nicht erst im Jahr 2023 angehoben werden und manch Aktienanleger dies als Grund ansieht, sich über den Sommer hinweg vorsichtiger zu positionieren.