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PRIVATE FINANZIERUNG IN DER FREIEN WOHLFAHRTSPFLEGE

Träger gemeinnütziger Institutionen finanzieren sich über Spenden, Beiträge, Förder­mittel oder aus den eigenen Reserven, doch bei manchen Projekten mangelt es noch an Förder­geldern oder das eigene Kapital reicht für große Vorhaben – z.B. den Neubau mehrerer Kitas – nicht aus. Die Beschaffung von Fremd­kapital via Bank ist sicher in vielen Fällen die Standard­lösung, vor allem, wenn eine Immobilie als Sicherheit dient. Das aktuelle Niedrig­zins­umfeld hilft bei der Finanzierung. Doch was ist, wenn das geplante Projekt nicht den immer komplexeren Kriterien der kredit­gebenden Banken entspricht? Wenn es vielleicht zu innovativ ist, um in die Prüfungs­schablonen zu passen? Welche Alter­nativen gibt es, wenn der Kapital­struktur des Trägers eine Stärkung des Eigen­kapitals viel angemessener wäre als eine Aufnahme von Fremd­kapital?

Auf der anderen Seite stehen die Finanz­investoren, die, getrieben durch das Niedrig­zins­umfeld, auf der Suche nach neuen Investi­tions­möglich­keiten sind. Viele schauen dabei auch über den Teller­rand der bekannten alternativen Investments. Und ganz sicher würden sich viele Investoren auch gern das Motto „Gutes tun“ auf die Fahnen schreiben.

FACHTAG

Warum hat sich aber trotz guter Ausgangslage noch keine Investmentpraxis zwischen den beiden Parteien entwickelt? Dieser Frage gingen am 21.04.2016 die Inputgeber und Gäste des Workshops „Private Finanzierung in der Freien Wohlfahrtspflege“ nach. Das Bankhaus DONNER & REUSCHEL veranstaltete diesen Fachtag gemeinsam mit der Bundes­arbeits­gemein­schaft der Freien Wohl­fahrts­pflege e.V. (BAGFW). Zu Gast waren Vertreter verschiedener gemein­nütziger Träger und -verbände sowie Experten aus der Finanz­wirtschaft.

VORTRAG 1

Erwartungen der Freien Wohlfahrtspflege an private Finanzierungs­modelle

Dr. Bernd Schubert, kaufmän­nischer Geschäfts­führer des Landes­verbands AWO Schleswig-Holstein e.V., gab zunächst einen Überblick über die Finan/shy;zierungs­bedarfe der Träger und die möglichen Finan­zierungs­formen. Er ergänzte die Erwartungen an private Finan­zierungs­modelle wie Verständnis für Projekt und Branche, Angemessenheit von Verzinsung und Berichts­pflichten etc. ebenso wie die grund­sätzlichen Überlegungen, die die Träger im Vorwege anstellen müssen (Finanz­struktur, Zweckbindung, Finanzierungs­dauer, ggf. inhaltliche Konflikte mit dem Geldgeber). Dr. Schubert, der sowohl über Erfahrung in der freien Wirtschaft als auch in der Wohl­fahrts­pflege verfügt, erwähnte aber auch mögliche Hindernisse wie z.B. die fehlende Finanz­strategie in vielen Trägern.

VORTRAG 2

Erwartungen von Investoren an private Finan­zierungs­­modelle in der Freien Wohlfahrtspflege

Im zweiten Vortrag berichteten Dr. Axel Seemann und Patrick Ruf von der BonVenture GmbH aus der Praxis eines Social Venture Fonds. Insbesondere die Invest­ment­kriterien sorgten für einige „Aha-Erlebnisse“ im Publikum. Ein karitativer Zweck allein ist nicht ausreichend, um für ein Invest­ment in Frage zu kommen. Entscheidend ist vielmehr, ob es sich um ein Leucht­turm­projekt handelt, welches sich langfristig selbst trägt und dessen Ergebnisse einen multi­plizier­baren Social Impact erzeugen können. Patrick Ruf präsentierte einige Beispiele aus dem aktuellen Invest­ment­portfolio mit einer Zielrendite von 3 bis 5%. Diese ist im Vergleich zu anderen Venture Capital Produkten etwas geringer – BonVenture kann aber nach eigener Aussage bisher eine relativ geringe Ausfallquote der Einzel­investments vorweisen.

VORTRAG 3

Social Investment aus Sicht der steuerrechtlichen Gemeinnützigkeit

Der dritte Inputgeber, Dr. Jörg Verstl (ASG Asche Stein Glockemann Verstl Wiezoreck Rechtsanwälte Steuerberater Wirtschaftsprüfer) gab einen kurzen Überblick über die steuerliche Betrachtungsweise von privaten Finan­zierungs­­modellen für gemein­nützige Projekte. Insbesondere stellte Dr. Verstl vier Modelle anhand von Praxis­beispielen vor (Stille Gesellschaft, Mezzanine Kapital, Sozialfonds, gAG).

Thomas Ronfeld, Leiter Primary Markets, DONNER & REUSCHEL

DISKUSSION

Die anschließende Diskussion moderierte Thomas Eisenreich (stellv. Geschäftsführer Verband der diakonischen Dienstgeber Deutschland e.V.). Weitere teilnehmende Experten waren Enrico Meier (Direktor Marktbereich Nord-/Ostdeutschland der Bank für Sozialwirtschaft), Dirk Müller-Remus (Gründer und Geschäftsführer der auticon GmbH), Stefan Spieker (Geschäftsführer FRÖBEL e.V.) und Thomas Ronfeld (Abteilungsleiter Primary Markets, DONNER & REUSCHEL AG).  Aus den Vorträgen hatten sich bereits einige offene Fragen ergeben, die von der Runde, den Inputgebern und den Gästen teilweise durchaus kontrovers diskutiert wurden.

Thomas Eisenreich, Stv. Geschäftsführer Verband diakonischer Dienstgeber in Deutschland e.V.

ERGEBNISSE

Warum herrscht nun Mangel an Investmentpraxis zwischen gemein­nützigen Trägern und Investoren? Nach dem Workshop lässt sich diese Frage ein Stück weit beantworten: Das Interesse und die theoretischen Möglichkeiten sind vorhanden, doch der Markt steckt noch in den Kinder­schuhen, da die Beteiligten bisher nicht die gleiche Sprache sprechen. Die wechsel­seitigen Erwartungen müssen detaillierter kommuniziert werden, um das Verständnis für die Denk­weise des Gegenübers zu vertiefen.

Sehr deutlich wurde auch, dass die gemeinnützigen Träger die Außen­kommunikation über ihre Leistungen verstärken müssen. Tue Gutes und rede darüber – und das in der Sprache des Kapital­marktes. Hierbei sind sicher auch die verschiedenen Methoden für Messung und Reporting des Social Impacts von Interesse. Das Aufzeigen der eigenen Innovationskraft ist – insbesondere im Wettbewerb mit der Welle an neuen Social Startups – essentiell. Aber nicht nur die Träger müssen an sich arbeiten, auch der Finanzmarkt muss verstärkt die vorhan­denen Finanzie­rungsprodukte auf ihre Übereinstimmung mit den Anforderungen und Interessen sowohl der Projektinhaber als auch der Investoren überprüfen.

Für die Bank bestätigte sich die Bedeutung ihrer in diesem Umfeld ganz besonders wichtigen Rolle als Intermediär („Mittler“) zwischen Projektinhabern und Investoren. Außerdem gilt es, verstärkt auch private Finan­zierungs­modelle bei der Entwicklung von Finan­zierungs­lösungen für gemeinnützige Projekte in Betracht zu ziehen. Nicht zuletzt will das Bankhaus DONNER & REUSCHEL auch in Zukunft den Beteiligten eine Plattform für den Austausch bieten.