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KAPITALMARKTKONFERENZ 2018

NICHT WISSEN IST MACHT, SONDERN DATEN SIND MACHT

Neue Anlagestrategien im Zeitalter der Digitalisierung
Eine Konferenz zur globalen Digitalisierung kann in diesen Tagen schnell zu einem allgemeinen Austausch von Binsenweisheiten verkommen. Umso überraschender ist es für manchen, wenn ausgerechnet eine der ältesten Privatbanken Deutschlands in München zu einem kreativen Austausch innovativer Denker lädt.

Kunden, Geschäftspartnern und Interessierten präsentierte Vorstandssprecher Marcus Vitt eine ebenso provokante wie nachdenkliche Kapitalmarktkonferenz unter der Überschrift: „Bei aller Vorsicht müssen wir Digitalisierung als Chance und Investitionsmöglichkeit begreifen.“

Das Bankhaus veranstaltete das Format bereits zum sechsten Mal. Nach einem Treffen mit Internetpionier Sascha Lobo im Internationalen Maritimen Museum in Hamburg im vergangenen Jahr luden die Finanzexperten um Marcus Vitt in diesem Jahr ins „The Charles Hotel“ am Alten Botanischen Garten im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt. Dass man bei DONNER & REUSCHEL gerne quer denkt, zeigte sich auch an kleinen Details: Mit NDR-Moderator Yared Dibaba führte ausgerechnet ein Norddeutscher durch das Themenpotpourri. Mit dem von ihm liebevoll gepflegten und in München vermutlich selten gehörten „Plattdütsch“ unterhielt er die Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmer auf die für ihn typisch launige Art.

Ihren prominenten Höhepunkt fand die Veranstaltung in einem Vortrag des früheren Bundesaußenministers Joschka Fischer. „Der Abstieg des Westens“ stehe nicht unmittelbar bevor, sondern man befinde sich mittendrin, lautete die provokante These des ehemaligen Vizekanzlers. Für Donner & Reuschel kein Grund zum Pessimismus. So appellierte Marcus Vitt an die Konferenzteilnehmer: „Wir sind belastbar, fordern Sie uns.“

EUROPE FIRST

Der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer fordert ein Umdenken
Joseph Martin Fischer kämpft nach wie vor mit Leidenschaft und viel Erfahrung für seine Positionen. So auch bei der Kapital­markt­kon­ferenz in München.

1989 – das Jahr der friedlichen Revolution und des Mauerfalls – habe man im Westen noch gedacht, uns beträfe das nicht. Doch weit gefehlt! „Es geht um uns, den Westen“, ruft Joschka Fischer in den Saal und es klingt immer noch ein wenig als spreche er auf einem Parteitag.
Ohne eine globale Kooperation von Wirtschaft und Politik können neun Milliarden Menschen nicht friedlich miteinander leben. Nationalismus sei also keine Option, eine De-Globalisierung wie nach dem Ersten Weltkrieg werde es nicht geben. Das lasse schon die moderne Kommunikationstechnik nicht zu. Darum sei das wichtigste Utensil der Flüchtlinge auch das Mobiltelefon. Aber die Globalisierung werde sich verändern, sagt Fischer voraus.

Natürlich ist das Weltklima nach wie vor sein Thema. Klimaschutz geht alle Staaten an. Deutschland werde von den wachsenden Problemen besonders betroffen werden. Ebenso bei Fragen der Sicherheit: in der von den USA bestimmten Nachkriegsordnung gab es eine Sicherheitsgarantie für die liberale Wirtschaftsordnung des freien Welthandels. Das sei nun vorbei, denn die Politik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump sei ein direkter Angriff auf die deutsche Wirtschaft – eine enorme Herausforderung. Trump sei ein Symptom, keine Ursache. Er spreche schließlich für große Wählergruppen gefühlter Verlierer. Nachdem sich die wirtschaftliche Gravitation von West nach Ost in den ostasiatisch-indischen Raum verschoben habe, gelte nicht länger „Freiheitsstatue versus Chinesische Mauer“. Dabei sei die Volksrepublik China längst eine Weltmacht, könne die Welt aber nicht führen. „Das Chaos ist das neue Normal“, konstatiert Fischer. Chaosperspektive statt Ordnung: „Die große Herausforderung liegt nicht in Russland“, so Fischer, „sondern in China.“

Was wird aus Europa?
Was wird in dieser neuen Weltstruktur nun aus Europa und Deutschland? Das sei in der Tat ein Problem, sagt Fischer, denn gerade Deutschland sei wirtschaftlich zwar sehr stark, aber politisch erschreckend hilflos. „Alt, reich und schwach sollte man sich nachts nicht auf die Straße wagen.“ Dabei verändere sich die Welt derzeit von einer multilateralen Ordnung hin zum Recht des Stärksten. Vor diesem Hintergrund müsse man auch mit einer Wiederwahl Trumps rechnen.

Die Welt werde sich neu ordnen: „Amerikaner und Briten verabschieden sich von Europa.“ Aber auch innerhalb der verbleibenden Europäischen Union nähmen die Widersprüche zu. Die Deutschen müssten sich fragen: „Sind wir so großartig wie wir uns finden?“ In der Sicherheitspolitik eher nicht, denn die Bundeswehr sei kaputtgespart worden. „Eine schwarze Null wird uns nicht schützen. Dass die anderen stets nur unser Geld wollen, ist eine bedenkliche Selbstblockade.“ Da Deutschland allein auf sich gestellt zu schwach sei, müsse das Land mit seinem Geld die gemeinsamen Interessen mehren. Gerade für Deutschland komme es entscheidend darauf an, dass Europa gelingt. „Mit statt ohne und nicht gegen Europa.“ Auch wenn es Nerven koste. Man müsse die Politik des französischen Präsidenten Emanuel Macron als Chance begreifen: „Die deutsch-französische Kooperation ist unverzichtbar.“

In seinem abschließenden allgemeinen Blick auf die Weltlage benannte Fischer die zentralen Herausforderungen der Menschheit: Urbanisierung, Bevölkerungswachstum vor allem in Afrika, ein schrumpfendes Europa. „Und erwarten Sie nichts Gutes vom Nahen und Mittleren Osten, hier kommt es zu einer direkten militärischen Konfrontation und dem eminenten Risiko weiterer kurzfristiger Flüchtlingsströme. „Die Welt verändert sich in dramatischer Geschwindigkeit, wir können uns also ein weiteres Jahrzehnt Stillstand nicht leisten. ‚Europe first‘ wäre eine Option. Doch dafür müssen wir unsere Demokratie ertüchtigen.“

Seit dem Ende seiner politischen Karriere ist Joschka Fischer beratend für Unternehmen tätig. Er schreibt Bücher und Gastbeiträge in Zeitungen. Zuletzt erschien „Der Abstieg des Westens. Europa in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts.“ bei Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018.


WIRTSCHAFT IST KRIEG!

„Profiler“ Suzanne Grieger-Langer empfiehlt 007-Strategie statt 08/15
Suzanne Grieger-Langer nennt sich selbst „Profiler“, ohne weibliche Endung. Wer sie bucht und ihr zuhört, und das sind internationale Großbanken und Medienmarken, ist von ihr begeistert. „Sie ist der Guide“ und „One of the best in the world“ heißt es dann. Ihre 25 Jahre destillierter Erfahrung im Profiling in Wirtschaft und Wissenschaft entfesseln auf der Bühne ein Sprachfeuerwerk der Extraklasse, so auch bei der Kapitalmarktkonferenz.

„Früher, das war vor fünf Jahren“, schleudert Suzanne Grieger-Langer ihren Zuhörern entgegen. Man erschrickt dann zunächst etwas, auch aufgrund ihrer ungewöhnlichen Erscheinung. Erst hört man nur ihre eindringliche Stimme, bevor sie, ganz in schwarz, die Bühne betritt und ihr Publikum fixiert. Jede und jeden einzeln, so scheint es. „Wirtschaft ist Krieg!“ sagt sie und hofft auf Widerspruch. Doch der bleibt sicherheitshalber aus. „Wir sind Experten für den Erfolg in der Vergangenheit, aber was ist mit der Zukunft?“ fragt sie. Wenn man wisse, was der Sinn des eigenen Handelns sei, brauche man keine weiteren Informationen über das Ziel mehr. Auch die Masse - sie meint die Menschen - habe ein „irres Potenzial“, behauptet sie. Es liege nur brach.  Mit Sinn bekäme man sie.

„Der Profiler“ Suzanne bewegt sich sicher auf dem schmalen Grat des ungebührlichen Wachrüttelns ihres eigenen Publikums. Nichts verachtet sie mehr als die Komfortzone, so scheint es. „Bringe dich täglich in Situationen, die dich zwingen, die Dinge neu zu denken.“ Disrupt or be disrupted, stören oder gestört werden. Allerdings kommt sie nicht ohne eine Handlungsdarreichung nach München, der 007-Strategie, die 08/15 endlich ersetzen soll. Nur so könne man zu einer besseren Version seiner selbst werden:

001 Orientierung
002 Entscheidung
003 Fokus
004 Disziplin
005 Achtsamkeit
006 Fitting
007 Individualität

Auf das Wesentliche fokussieren, ausgetretene Pfade verlassen, über den eigenen Schatten springen, Grenzen im Kopf überwinden. Nichts, was man nicht schon gehört hätte, aber vielleicht nicht so intensiv. Jedes einzelne Stichwort seziert sie genüsslich und intensiv so lange, bis es sich auch dem letzten Zweifler erschließt. „Ich hoffe, ich habe Sie für Schlechteres verdorben“, schließt sie ihren Vortrag. Dieser wird von den Konferenz­teil­nehme­rn begeistert aufgenommen. Für Moderator Jared Dibaba liegt eine wesentliche Nachfrage auf der Hand, nämlich der nach dem Unterschied zwischen Frauen und Männern im Geschäftsleben. Ihre Antwort ist so schlagfertig wie man es erwartet: „Monokulturen bringen Schädlinge hervor.“

IT-SICHERHEIT IM ABHÖRZEITALTER

Constanze Kurz vom Chaos Computer Club mahnt zu Wachsamkeit
Der „Chaos Computer Club e. V.“ (CCC) bezeichnet sich selbst als „größte europäische Hackervereinigung“ und ist seit über dreißig Jahren Vermittler im Spannungsfeld technischer und sozialer Entwicklungen. Die Aktivitäten des Clubs reichen von technischer Forschung und Erkundung am Rande des Technologieuniversums über Kampagnen, Veranstaltungen, Politikberatung, Presse­mit­teilungen und Publikationen bis zum Betrieb von Anonymi­sierungs­diensten und Kommu­nikations­mitteln. Deren Sprecherin Dr. Constanze Kurz war nach München gekommen um wachzurütteln.

Nicht mehr „Wissen ist Macht“ dürfte es heißen, sondern Daten seien Macht. Das sagt die promovierte und eloquente Sprecherin eines Vereins, den viele bis vor kurzem noch als Sammlungsbewegung computerverrückter Sonderlinge wahrgenommen haben, die unerlaubt in Netzwerke eindringen. Diese Zeiten sind vorbei: CCC ist heute Verbündeter von Unter­nehmen, die sich im Abhör­zeit­alter Sorgen um ihre IT-Sicherheit machen. Besonders gefährdet seien Branchen, die bislang wenig Expertise in diesem Bereich haben, so Constanze Kurz, zum Beispiel Kranken­häuser. Aber auch Banken hätten sehr mit der Absicherung ihrer sensiblen Datennetze zu kämpfen gehabt. Sogar das Mobiltelefon sei eigentlich eine alte Technik mit strukturellen Sicher­heits­problemen. Dadurch sei eine „IT-Sicher­heits­vertrau­enskrise“ entstanden. „Wir dürfen nicht ignorieren, was wir in den vergangenen fünf Jahren gelernt haben“, mahnt sie und gibt noch vier Denkanstöße zur IT-Sicherheit im Abhörzeitalter mit auf den Weg:

  • Alle öffentlichen Kommunikationsnetze enthalten heute Abhör-Schnittstellen – legale, geduldete und illegale
  • Keine Form elektronischer Kommunikation ist heute sicher – es sei denn sie ist stark verschlüsselt
  • Überwachungstechnologien sind zu einem signifikanten Industriezweig geworden
  • Konstanter, massiver Preisverfall

(DE-) GLOBALISIERUNG UND DIGITALISIERUNG VERÄNDERN DIE WELT

Carsten Mumm ist Chefvolkswirt bei Donner & Reuschel. Er fasst für die Kunden der Bank regelmäßig die Markt- und Meinungslage zusammen und skizziert auf der diesjährigen Kapitalmarktkonferenz der Privatbank zukünftige Trends und deren Auswirkungen auf die Kapitalmärkte.

Der Begriff Digitalisierung bezeichnet im ursprünglichen Sinn das Umwandeln von analogen Werten in digitale Formate. Digitalisierung ist also ein Werkzeug. Doch die digitale Veränderung kommt schnell und fundamental – für viele radikal. Veränderungen werden generell von Menschen abgelehnt, die lieber alles beim Alten – Gewohnten und Bekannten – belassen und sich damit sicher fühlen. Dieser Wunsch nach Sicherheit erzeugt oftmals Protektionismus und Populismus. Allerdings lässt sich der Fortschritt in der Regel kaum aufhalten. Aktuell ist die digitale Revolution in vollem Gange. Es stellt sich daher nicht mehr die Frage, ob wir diesen technologischen Fortschritt wollen oder nicht. Wir haben ihn bereits und sollten ihn für unsere Belange nutzen.

Wie können wir uns die Technologie zunutze machen?
Digitalisierte Geschäftsmodelle - oft globalisiert - funktionieren über nationale Grenzen hinweg durch teils unendliche Skalierbarkeit und Netzeffekte. Wir brauchen also Netzwerke - im privaten wie im beruflichen. Arbeitsteilung und Handel haben den Menschen immer wieder enorme Fortschritte gebracht. Das war letztlich auch der Antrieb der Globalisierung: wer ein Produkt am effizientesten herstellen kann, sollte es tun. Wenn sich jeder auf seine Stärken fokussiert, ist das Ergebnis ein Gewinn an aggregiertem Wohlstand. Wissenschaftsnetzwerke, die neue Erkenntnisse sofort teilen, sind viel produktiver als einzelne Forschungszentralen. Blockchain, die dezentrale Verkettung, bietet Datensicherheit und könnte dadurch zum Grundgerüst der digitalen Zukunft werden.

Sicher sollte man dem Markt nicht komplett freien Lauf lassen. Es muss darauf geachtet werden, dass Marktversagen oder -manipulation (z.B. Kartelle) erkannt und vermieden werden. Alle Externalitäten, also vom Verursacher unbeachtete und daher nicht kompensierte Auswirkungen ökonomischer Entscheidungen sollten als Kostenfaktor berücksichtigt werden (z.B. der Verbrauch von Umweltressourcen). Die Staaten müssen daher die Rahmenbedingungen für die digitalisierte Zukunft setzen. Dazu gehören Fragen der Besteuerung neuartiger Geschäftsmodelle genauso wie Aspekte der Datensicherheit und der Umverteilung der von Robotern erwirtschafteten Mehrwerte.

Die Digitalisierung des Privatlebens wurde fast ausschließlich aus dem Silicon Valley heraus betrieben. Der Wirtschaftsstandort Deutschland muss nun versuchen, den bereits angefahrenen Zug der B2B-Digitalisierung nicht zu verpassen. Bei Investitionsgütern für die weltweite Industrie in Form von Maschinen und spezialisierten Bauteilen oder Komponenten liegt traditionell der Schwerpunkt des deutschen Erfolgsmodells.

Der deutsche Mittelstand richtet sich entsprechend gerade auf die Industrie 4.0 ein. Doch viele Vorhaben scheitern in Deutschland an nicht ausreichend vorhandener digitaler Infrastruktur und zunehmend auch am Fachkräftemangel. Hier ist die Bundesregierung gefragt. Auch diese Aspekte gehören zum Rahmen für die digitalisierte Zukunft. Wir sollten angesichts der anstehenden Herausforderungen von den Erfahrungen mit der Globalisierung lernen. Es gilt, deren Errungenschaften zu verteidigen und Verbesserungen vorzunehmen. Dabei kann uns die Digitalisierung helfen. Sie ist unser Werkzeug, um die Mehrwerte der Globalisierung für viel mehr Menschen nutzbar zu machen. Beispielsweise kann heute aus jeder Ecke der Welt online an Elite-Universitäten studiert werden. Heimarbeitsplätze ermöglichen die Zusammenarbeit von dezentralen Orten aus.

Auch die Kapitalmärkte werden von der Digitalisierung beeinflusst. Schwellenländer werden ihren Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt weiter erhöhen. Ihnen hilft ihre zumeist junge und technikaffine Bevölkerung. Bisher wenig profitierende Regionen haben die Möglichkeit aufzuholen, z.B. die Staaten Afrikas und Lateinamerikas. Andererseits könnten Industrieländer ihre aufgrund eines Lohnvorteils ins Ausland ausgelagerte Produktion zurückholen. Treffgenaue Prognosen der Potenziale neuer Technologien sind sehr schwer. Neue Technologien bringen erweiterte Bedürfnisse und damit auch völlig neue Geschäftsmodelle mit sich. Beispielsweise funktioniert autonomes Fahren nicht ohne einwandfreie und jederzeit gut sichtbare Leitmarkierungen. Hier braucht es mehr Kapazitäten. Unternehmen, die sich schnell an die neuen Gegebenheiten anpassen können, werden die Gewinner sein. Es entstehen neue Ansätze der Kapitalanlage, die über die reine Steuerung von Rendite und Risiko hinausgehen. So ist das Wissen um die gesellschaftliche Wirkung der Anlage ein zusätzlicher Ertragsaspekt, die sogenannte doppelte Dividende.

Digitalisierung ermöglicht den Menschen das zu sein, was sie sind: individuell. Es liegt also an jedem einzelnen von uns, die De-Globalisierung aufzuhalten, Globalisierung weiterzuentwickeln und Digitalisierung zu gestalten.