07.12.2020

Börsen im November: ist denn schon Weihnachten?

Das Kapitalmarktumfeld: überraschend positiv – trotz neuer Corona-Wellen

Am Anfang des Monats lag der Fokus der Welt zunächst auf den Präsidentschaftswahlen in den USA, bei der sich nach einigen Tagen der Unsicherheit der Herausforderer Joe Biden als Sieger herauskristallisierte. Noch ist zwar offen, ob die Demokraten auch im Senat eine Mehrheit erreichen können, allerdings wurde der zu erwartende Strategiewechsel, bspw. in der Außen- und Handelspolitik, an den internationalen Kapitalmärkten überwiegend positiv aufgenommen.

Die Corona-Pandemie hat Europa und viele andere Regionen weltweit wieder voll im Griff. Aufgrund deutlich steigender Fallzahlen wurden von diversen Regierungen im November teilweise sehr strikte Shutdown-Maßnahmen eingeführt. Die Folge ist ein erneuter wirtschaftlicher Einbruch, der vor allem die südlichen Mitgliedstaaten der Eurozone aber auch Großbritannien heftig trifft. Es ist daher schon absehbar, dass das Wirtschaftswachstum der Eurozone und möglicherweise auch in Deutschland im 4. Quartal negativ ausfallen werden. Entsprechend gaben wichtige konjunkturelle Frühindikatoren wie der deutsche ifo-Geschäftsklimaindex und die Einkaufsmanagerindizes der Eurostaaten deutlich nach.

Anders als die besonders von den Einschränkungen betroffenen Dienstleistungsbereiche ist die deutsche Industrie eines der wenigen Segmente mit weiterhin positiven Aussichten auch für die kommenden Monate. Der Hintergrund ist eine weiterhin starke Exportnachfrage vor allem aus China, wo die Vorkrisenniveaus der wirtschaftlichen Aktivität bereits wieder erreicht wurden.

Zusätzlich beflügelt wurden die Konjunkturhoffnungen mit Blick auf das kommende Jahr durch die positiven Nachrichten über die Entwicklung mehrerer Corona-Impfstoffe mit zumeist sehr hohen Wirkungsgraden. Die bereits anlaufenden beschleunigten Zulassungsverfahren lassen den Beginn größerer Impfkampagnen noch in diesem Jahr wahrscheinlich werden. Auch wenn die Pandemie deswegen nicht kurzfristig beseitigt sein wird, besteht doch berechtigte Hoffnung, dass sie im Laufe der kommenden Monate deutlich an Einfluss verliert.

Weiterhin offen ist die Gestaltung des Endes der Brexit-Übergangsfrist am 31. Dezember 2020. Bisher konnten kaum Fortschritte in den laufenden Verhandlungen um einen Handelsvertrag berichtet werden.

Zinsen: kaum verändert

Angesichts anhaltend negativer Inflationsraten in der Eurozone und wegen fortbestehender Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung wurden von EZB-Präsidentin Lagarde bereits mehrfach weitere expansive geldpolitische Schritte für die kommende Ratssitzung der Europäischen Zentralbank angekündigt. Entsprechend verharrte die Rendite einer zehnjährigen Bundesanleihe tief im negativen Bereich bei -0,55 Prozent p.a. Griechische und italienische Staatsanleihen rentieren im gleichen Laufzeitensegment nur noch knapp über 0,60 Prozent p.a. und damit auf Rekord-Tiefstständen.

Aktien: von Impfstoffhoffnungen beflügelt

Die internationalen Aktienmärkte – vor allem konjunktursensitive Titel – haussierten angesichts sich deutlich aufhellender Konjunkturperspektiven. Der deutsche Leitindex DAX legte um 15 Prozent auf 13.290 Punkte zu. In den USA stiegen der Dow Jones Industrial Average Index und der breit gefasste Aktienindex S&P 500 um jeweils über 10 Prozent und erreichten mit über 30.000 bzw. 3.600 Punkten neue Rekordstände. Auch Schwellenländeraktien hatten deutliche Kurszuwächse zu verzeichnen.

Währungen: Euro deutlich fester

Der Euro wertete im Vergleich zum US-Dollar um über 3 Cent auf 1,195 EUR/USD auf. Auch gegenüber dem Schweizer Franken und im Vergleich zum Japanischen Yen konnte die Gemeinschaftswährung zulegen.

Rohstoffe: Rohöl stark gestiegen, Gold schwächer

Der zunehmende Konjunkturoptimismus sorgte für einen deutlich Anstieg der Rohölnotierungen. Der Preis für ein Barrel der Sorte Brent stieg um mehr als 25 Prozent auf 48 US-Dollar. Der Goldpreis hingegen fiel unter die Marke von 1.800 US-Dollar.

Implikationen für Anleger

Die Perspektiven für alle Formen realer Anlagen, neben Aktien auch Immobilien und Rohstoffe bzw. Edelmetalle, bleiben angesichts anhaltend niedriger Zinsen, absehbar steigender Inflationsraten und explodierender Staatsschulden generell positiv. Insbesondere an den Aktienbörsen wird dabei über die derzeitigen konjunkturellen Rückschläge hinweggesehen. Der Fokus liegt auf der absehbar sehr dynamischen globalen Erholung im nächsten Jahr, von der vor allem zyklische Branchen (Fahrzeug,- Anlagen- und Maschinenbau, Chemie, Rohstoffe, etc.) profitieren werden. Entsprechend werden für die meisten Aktienindizes hohe zweistellige Gewinnwachstumsraten erwartet. Doch auch bestehende Megatrends wie bspw. die durch die Corona-Krise noch einmal beschleunigte Digitalisierung oder der Klimawandel werden weiterhin massive Investitionen erfordern und vor allem Technologietitel unterstützen. Allerdings dürfte ein Großteil der positiven Aussichten auch bereits in den derzeitigen Kursen eingepreist sein, erkennbar an den historisch teilweise extrem hohen Bewertungen. Ähnlich hohe Kursgewinne wie seit dem Frühjahr sind daher in den kommenden Monaten nicht mehr zu erwarten – trotzdem: wer einen schleichenden Realkapitalverlust durch negative Realrenditen vermeiden will, hat kaum Alternativen…

Carsten Mumm

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Carsten Mumm, Leiter Kapitalmarktanalyse und Chefvolkswirt bei DONNER & REUSCHEL, fasst regelmäßig die Markt- und Meinungslage für Sie zusammen.