24.04.2020

Die Welt im Ausnahmezustand – Update zur Coronakrise

Die drei Phasen

Den bisherigen Verlauf der globalen Coronakrise kann man in drei Phasen unterteilen: in Phase I wurden weitgehende Regelungen zur Eindämmung der Pandemie implementiert, vor allem Shutdowns, also das Runterfahren des öffentlichen Lebens und weiter Teile der Produktion. An den internationalen Aktienmärkten kam es zu Panikreaktionen mit teilweise historischen Kursverlusten.

Phase II ist durch die Umsetzung massiver Interventionen der Geld- und Fiskalpolitik mit Unterstützungspaketen in ungeahnter Höhe geprägt. In dieser Woche wurde nun auch von der Europäischen Union (EU) ein Hilfspaket im Umfang von maximal 540 Mio. Euro final verabschiedet. Es beinhaltet Gelder zum Aufbau einer europäischen Kurzarbeitsregelung, Garantien der Europäischen Investitionsbank (EIB) sowie die Möglichkeit, Kredite des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) zu beantragen. Anders als ursprünglich vorgesehen, sind mit dem ESM-Krediten nur relativ geringe Auflagen verbunden: die Kredite sollen ausschließlich zur Finanzierung von direkten oder indirekten aus der Coronapandemie resultierenden Gesundheitskosten genutzt werden. Zudem wurde die EU-Kommission beauftragt, einen Aufbaufonds auf den Weg zu bringen (Volumen ca. 500 Mio. Euro).

die beschlossenen Maßnahmen

Die beschlossenen Maßnahmen laufen letztlich auf eine zumindest teilweise gemeinschaftliche Abfederung der im Zuge der Coronakrise entstehenden Kosten hinaus. Je nach Ausgestaltung werden entweder direkte Zahlungen der EU-Staaten (z.B. in den Fonds), ein ausgeweiteter EU-Haushalt (in den die EU-Staaten je nach Wirtschaftskraft gestaffelt einzahlen), höhere Beiträge für einzelne Institutionen (ESM, EIB, …) oder letztlich doch die viel diskutierten Coronabonds (Anleihen mit gemeinschaftlicher Haftung der Euro- bzw. EU-Staaten) zur Finanzierung herangezogen. Auf irgendeinem Weg werden also voraussichtlich immer alle Staaten – und Deutschland im besonderen Maße, weil es der wirtschaftlich stärkste EU-Staat ist – an der Finanzierung beteiligt. Wenn man bedenkt, dass bspw. Italien derzeit nicht nur deutlich mehr Schulden macht, sondern sich auch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gerade massiv verringert (die Relation von Schulden zum BIP sich also massiv verschlechtern wird), könnte ohne das gemeinschaftliche Eintreten für die Kosten der Coronakrise eine neue Vertrauenskrise der Eurozone entstehen. Schon heute sind die Risikoprämien für italienische Staatsanleihen deutlich ausgeweitet. Sollte sich diese Tendenz nicht stabilisieren, würde im Zweifel die Europäische Zentralbank EZB über zusätzliche Wertpapier-Käufe versuchen, weitere Turbulenzen zu vermeiden. Da hinter der EZB auch wieder alle Eurostaaten stehen, kommt niemand um eine irgendwie geartete Gemeinschaftshaftung herum. An den Börsen reagierte man auf die Rettungsmaßnahmen insgesamt erleichtert, entsprechend wurde eine deutliche Gegenbewegung bei den Aktienkursen ausgelöst, durch die bis zur Hälfte der Verluste seit den Höchstkursen Mitte Februar wieder wettgemacht werden konnten.

Übergang zur Phase III

Gerade nähern wir uns in Deutschland dem Übergang zur Phase III, dem aktiven Management der Krise mit intensiven Diskussionen über Lockerungen der Shutdowns. In dieser Phase, die Monate oder gar Jahre andauern könnte, geht es um einen Ausgleich zwischen den beiden Kernzielen, die Infektionsraten auf einem für das Gesundheitssystem verträglichen Niveau zu halten und gleichzeitig eine wirtschaftliche Wiederbelebung zu ermöglichen. Es ist davon auszugehen, dass es auch an den Kapitalmärkten je nach Nachrichtenlage und abhängig vom Verlauf der Infektionskurven in dieser Phase immer wieder verstärkt zu Schwankungen kommen wird.

Mögliche Entwicklungen dieser Phase lassen sich erahnen, wenn man die Situation in China analysiert. Dort hat sich die Industrieproduktion nach einem Einbruch um 13,5 Prozent im Februar (Vergleich zum Vorjahr) im März deutlich erholt und liegt nur noch um 1,1 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. Allerdings hat der Flugverkehr bisher nur 30% seines Vorjahresniveaus erreicht. Offensichtlich erholt sich die Industrie schneller als manche Dienstleistungsbranche, in denen es teilweise deutlich länger dauern dürfte, bis Vorkrisenauslastungen wieder erreicht werden. Industrieunternehmen hingegen profitieren nicht nur von einer Rückkehr auf Vorkrisenumsatzniveaus, sondern können auch noch mit zusätzlichen Nachholeffekten durch bisher aufgeschobene Aufträge rechnen.

Die konjunkturellen Frühindikatoren

Die konjunkturellen Frühindikatoren in Europa und den USA trübten sich in den letzten Tagen weiter ein. Sowohl die Stimmungslage bei Unternehmen (Einkaufsmanagerindizes) als auch bei Verbrauchern verschlechtere sich auch in Deutschland weiter. So fielen sowohl der GfK-Konsumklimaindex als auch der ifo-Geschäftsklimaindex auf Rekord-Tiefstniveaus. Unter den Unternehmen befinden sich gerade alle Komponenten im freien Fall (Verarbeitendes Gewerbe, Dienstleistungen, Handel und zuletzt sogar der Bau). Da die Umfragen unter Konsumenten und Unternehmen in den ersten Aprilwochen durchgeführt wurden, kamen die bisher umgesetzten und kurzfristig zu erwartenden Lockerungen der Shutdown-Maßnahmen noch nicht zum Tragen. Es ist daher davon auszugehen, dass in den kommenden Monaten höhere Werte erreicht werden können. Trotzdem dürfte es in einer lang gezogenen Phase III des Krisenverlaufs auch immer wieder zu größeren Rückschlägen für die konjunkturellen und damit die Kapitalmarktperspektiven kommen.

Zu den längerfristigen Auswirkungen der Coronakrise und den Perspektiven bzgl. Inflation, Staatsschulden und Eurozone haben sich kürzlich Prof. Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts, und Carsten Mumm, Chefvolkswirt von Donner & Reuschel, ausgetauscht. Die Aufzeichnung des Gesprächs steht unter https://youtu.be/NQI01JS3nEs zur Verfügung.

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Carsten Mumm

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Carsten Mumm, Leiter Kapitalmarktanalyse und Chefvolkswirt bei DONNER & REUSCHEL, fasst regelmäßig die Markt- und Meinungslage für Sie zusammen.