US-Zwischenwahlen – für die Kapitalmärkte nur ein Randthema
Zur Mitte des Präsidentschaftszyklus, also zwei Jahre nach der zweiten Amtsübernahme Donald Trumps als US-Präsident, stehen Anfang November 2026 die Zwischenwahlen zum US-Kongress (Midterm-Elections) auf der Agenda. Dabei wird das Repräsentantenhaus komplett neu gewählt, während im Senat rund ein Drittel der Sitze zur Wahl stehen. Umfragen und Wettmärkten zufolge liegt die höchste Wahrscheinlichkeit für den Wahlausgang mit knapp 70 Prozent bei einem „Democratic Sweep“, also einer Mehrheit der Demokraten in beiden Kammern des Kongresses. Knapp 25 Prozent Wahrscheinlichkeit entfällt auf das Szenario eines geteilten Kongresses, also einer demokratischen Mehrheit im Repräsentantenhaus und einer der Republikaner im Senat.
Trumps innenpolitischer Spielraum
In beiden Fällen würde Trump seine bisher umfassende Mehrheit im Parlament verlieren. Bei einem kompletten Durchmarsch der Demokraten wäre er sogar eine „Lame Duck“, eine Situation, mit der sich vor ihm schon viele US-Präsidenten in der zweiten Hälfte ihrer Amtszeit abfinden mussten. Seine Handlungsfreiheit wäre damit teilweise eingeschränkt, insbesondere haushaltspolitische Beschlüsse, also bspw. Steuersenkungen oder Ausgabenerhöhungen, könnte er ohne eine Kongressmehrheit nur noch schwer umsetzen. Allerdings hat Trump in seiner bisherigen Amtszeit diesbezüglich schon einige Akzente gesetzt, mit der Folge massiv steigender Staatsschulden und zuletzt deutlich höherer Zinsniveaus. Vor diesem Hintergrund wären weitere fiskalisch expansive Schritte ohnehin nur schwer umsetzbar, ohne den Unmut der Kapitalmärkte in Form weiterer starker Zinssteigerungen und damit immer höherer Zinsaufwendungen auf sich zu ziehen.
Handelspolitische Risiken bleiben
Insbesondere handels- und außenpolitisch wäre der Präsident jedoch weiterhin weitgehend allein handlungsfähig. Sollte sich Trump daher künftig noch stärker auf dieses Feld fokussieren, würde die Wahrscheinlichkeit unberechenbarer und erratischer politischer Entscheidungen steigen. Denkbar wären weitere Eskalationen in bestehenden Zollkonflikten, etwa mit Europa, Kanada oder anderen wichtigen Handelspartnern und damit Belastungen der globalen Industrie- sowie Exportwirtschaft. Auch eine engere Kooperation mit Russland, möglicherweise mit der Folge einer aufseiten der Ukraine erzwungenen Beilegung des Kriegs müssen einkalkuliert werden. Wobei selbst aus politischer Sicht für Europa schwer akzeptable Friedensbedingungen, bspw. die Abtretung größerer Teile der Ostukraine, durch ein Ende der kriegsbedingten Verunsicherung positive wirtschaftliche Folgen haben könnten. Wenig wahrscheinlich hingegen wäre vorerst eine weitere Eskalation des Dauerkonflikts mit China. Beide Rivalen sind wirtschaftlich noch immer so abhängig voneinander, dass ein größerer Konflikt enormen wirtschaftlichen Schaden für alle Beteiligten bedeuten würde. Gerade angesichts der anhaltenden negativen Auswirkungen des Irankonflikts, bei dem eine Lösung auch mit erhöhter Aufmerksamkeit Trumps nicht naheliegend erscheint, würden weitere Lieferkettenunterbrechungen und folglich steigende Verbraucherpreise und Belastungen der Exportwirtschaft die Gefahr politischer Gegenbewegungen und/oder ausgeweiteter sozialer Unruhen wohl enorm steigern. Weder Trump noch der chinesische Staatspräsident Xi Jinping dürften daran ein Interesse haben.
US-Institutionen zeigen Resilienz
Zwar besteht die Möglichkeit, dass es rund um den Wahltag oder danach zu Auseinandersetzungen oder gar gewalttätigen Exzessen kommt, jedoch halten wir die Wahrscheinlichkeit für gering. Selten wiederholt sich ein solches, zuvor kaum denkbares Szenario wie der Sturm auf das Kapitol im Jahr 2021 in ähnlicher Form. Dafür spricht auch, dass Trump selbst ohne Mehrheit im Kongress in der Lage wäre, über präsidiale Dekrete und Vetos politisch zu agieren, anders als nach seiner damaligen Abwahl. Zudem haben sich US-amerikanischen Institutionen in den letzten Wochen als resilient erwiesen. Sowohl die starke Akzentuierung einer unabhängigen Geldpolitik der Notenbank Fed als auch einige Beschlüsse des Obersten Gerichtshofs unterstreichen, dass die jeweiligen Gremienmitglieder sich dem Gesetz und den Erwartungen an eine unabhängige, sachlich und fachlich nachvollziehbare Amtsführung verpflichtet fühlen und nicht dem Willen des US-Präsidenten. Zudem dürften weite Teile der republikanischen Partei erneute Angriffe auf staatliche Institutionen nicht widerstandslos akzeptieren. Möglich hingegen sind verbale Eskalationen vonseiten Trumps oder länger andauernde juristische Auseinandersetzungen, die aber das Wahlergebnis nicht grundsätzlich infrage stellen sollten.
Kapitalmärkte bleiben gelassen
Damit dürften die Auswirkungen des Wahlgangs auf die Kapitalmärkte überschaubar bleiben, abgesehen von möglichen kurzfristig größeren Kursbewegungen. In der Historie haben Phasen mit geteilten Machtverhältnissen in Washington sogar überwiegend positive Aktienmarktentwicklungen mit sich gebracht. Denkbar sind nuancierte Reaktionen, bspw. eine etwas schwächere Wertentwicklung des Finanzsektors aufgrund ggf. von den Demokraten forcierte steigende regulatorische Anforderungen. Auch eine längere Verhandlungsphase beim Erreichen des nächsten staatlichen Schuldenlimits mit der Folge der Schließung staatlicher Institutionen (Government Shutdown) müsste einkalkuliert werden. Die wesentlichen für die Börsen relevanten Faktoren bleiben allerdings voraussichtlich die Energiepreise, damit zusammenhängend die Inflation sowie die Zinsentwicklung und vor allem die Auswirkungen der anhaltend hohen Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI). Vor allem der KI-Megatrend dürfte unabhängig von wechselnden parlamentarischen Mehrheiten weiterlaufen und die Kursfindung beeinflussen.