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Warum bei der Altersvorsorge zu wenig Risiko riskant ist

16.07.2026 / Carsten Mumm

Ein scheinbarer Widerspruch: Warum Vorsicht Rendite kosten kann

Anleger, die bei der Altersvorsorge zu vorsichtig agieren, verzichten sehr schnell auf Rendite. Und das oft, ohne es zu bemerken. Doch wie kann das sein? Um diesen zunächst paradox erscheinenden Mechanismus zu erklären, lohnt ein Blick auf die vergangenen Monate: Das erste Halbjahr 2026 war medial vor allem von der Eskalation des Iran-Konflikts überlagert. Der resultierende Ölpreisanstieg hat für einen stagflationär wirkenden Schock gesorgt. Wachstumserwartungen für das laufende Jahr wurden teils deutlich nach unten korrigiert, während die Inflationsraten durch stark steigende Energiepreise unmittelbar stiegen. Entsprechend legten auch die Renditen von Staatsanleihen und damit verbunden auch Kredit- und Hypothekenzinsen zu, während einige Notenbanken ihre Leitzinsen anhoben oder – anders als noch am Jahresanfang erwartet – nicht absenkten. Sowohl Konsum als auch Investitionen wurden durch hohe Energiepreise und Zinsen sowie unsichere wirtschaftliche Perspektiven ausgebremst. Unternehmens- und Verbraucherstimmungsindizes wie das ifo-Geschäftsklima oder das GfK-Konsumentenvertrauen gaben entsprechend nach.

Warum Börsen steigen, obwohl die Wirtschaft schwächelt

Trotz dieser Belastungsfaktoren hatten viele Aktienindizes teils enorme Gewinne zu verzeichnen. Denn an der Börse ist nicht der aktuelle Status quo der Wirtschaft und des Kapitalmarktumfelds relevant. Vielmehr werden erwartete künftige Entwicklungen schon heute eingepreist. Dazu gehört die Aussicht auf Nachholeffekte nach einem Energiepreisschock, die in der Historie zumeist maximal wenige Monate andauerten. Eine Szenario-Analyse der US-Notenbank Fed zeigt, dass im Quartal des höchsten Ölpreises („Peak Oil Price“) ein volkswirtschaftlicher Schrumpfungseffekt entsteht, dem im darauffolgenden Quartal ein überdurchschnittlich hohes Wachstum folgt. Aufgeschobener Konsum oder zurückgehaltene Investitionen werden nachgeholt.

Resilienz, Infrastruktur und KI als Wachstumstreiber

Zur stabilen Entwicklung der Aktienmärkte hat zudem eine hohe Investitionsgüternachfrage beigetragen. Denn Unternehmen und Staaten wurden durch die Iran-Eskalation einmal mehr vor Augen geführt, dass es im Falle von Lieferkettenunterbrechungen – wie der Sperrung der Straße von Hormus – vielfach an Resilienz fehlt. Um diese zu verbessern, erhöhen Unternehmen ihre Lagerhaltung, produzieren Vorleistungsgüter teilweise selbst oder diversifizieren Lieferketten, indem andere Zulieferer zusätzlich beauftragt werden. Für stark energieimportabhängige Staaten wiederum wird die Versorgung mit fossilen Energien im Falle einer Unterbrechung zur kritischen Schwachstelle. Sie investieren folglich in Energiesicherheit, etwa durch den Ausbau erneuerbarer oder nuklearer Energiequellen. Zudem wird unter anderem in Verteidigungsfähigkeit, Infrastruktur, neue Technologien sowie Forschung und Entwicklung investiert. Dabei spielt insbesondere Künstliche Intelligenz (KI) eine Schlüsselrolle. Denn einerseits befeuern die großen US-Technologieunternehmen durch den massiven Aufbau von Rechenzentren und anderen relevanten Kapazitäten nicht nur die Nachfrage nach Halbleitern, sondern versorgen auch klassische Industrien wie Versorger, Baudienstleister oder Anbieter von Rohstoffen und technischem Equipment wie Kabeln mit Aufträgen. Andererseits besteht die Hoffnung, dass der Einsatz Künstlicher Intelligenz in allen Branchen und bei vielen Unternehmen zu Produktivitätssteigerungen, also einem größeren Output bei gleichem oder sogar geringerem Einsatz an Kapital und Arbeit führen wird. Privatwirtschaftliche und staatliche Aufträge zusammen mit perspektivisch besseren Gewinnaussichten durch den Einsatz von KI haben offensichtlich die Sorgen vor den negativen Wirkungen der Iran-Eskalation überkompensiert.

Die größte Herausforderung: Den richtigen Risikoanteil finden

Zwar besteht die Möglichkeit, dass sich die bisherigen Kursentwicklungen an den Aktienbörsen in den kommenden Monaten als zu optimistisch erweisen und zu entsprechenden Korrekturen führen. Zunächst aber lässt sich festhalten, dass Anleger, deren Aktienquote gemessen an ihrer individuellen Risikoneigung zu niedrig war, in den vergangenen Monaten das Nachsehen hatten. Und es wird deutlich, wie schwer das Timing für mögliche Gewinne, also der Versuch, „unten zu kaufen und oben zu verkaufen“, tatsächlich umsetzbar ist. Es ist daher sinnvoll, sich ein persönlich passendes Risikobudget zu definieren, eine Toleranzschwelle für eine maximal erwünschte Schwankungsbreite des Depots, und die Zusammensetzung des Portfolios diesem entsprechend vorzunehmen. Das gilt in guten wie in schwächeren Zeiten. Denn was auf den ersten Blick verkraftbar erscheint, etwa eine schwächere Performance über ein halbes Jahr, kann sich über längere Zeiträume als sehr relevanter Faktor erweisen, der sich negativ auf das langfristige Ergebnis der Kapitalanlage auswirkt. Um diese optimale Portfolioaufteilung zu erreichen, hilft bspw. der Blick in die Vergangenheit im Sinne einer Simulation verschiedener Depotzusammensetzungen im Kontext historischer Krisen und Kurskapriolen.

Risiko wird oft falsch verstanden

Wichtig ist aber in diesem Kontext auch die sachgerechte Einordnung des Begriffs „Risiko“: Woran denkt man bei Risiko bezogen auf die Kapitalanlage bzw. bei der finanziellen Vorsorge? Man will abgesichert sein, etwa für den Ruhestand, und deshalb möglichst „sicher“ anlegen. Als Risiko wird vor allem Totalverlust oder nennenswerter Wertverlust des eingesetzten Kapitals angesehen. Dieses Risiko ist allerdings überschaubar, wenn ein Portfolio breit über verschiedene Anlageklassen und – innerhalb dieser – über verschiedene einzelne Aktien, Anleihen und ggf. Fonds gestreut ist. Aktienindizes etwa können nicht auf einen Wert von null fallen. Das würde bedeuten, dass alle im Index enthaltenen Aktien komplett und für alle Zeit wertlos wären – sehr unwahrscheinlich. Risiko im Sinne der Kapitalanlage ist daher vor allem „Schwankung“. Diese „Volatilität“ ist gleichzeitig aber eine unabdingbare Grundvoraussetzung für eine Mehrrendite im Vergleich zu sicheren verzinslichen Anlagen, bspw. auf einem Konto, bei dem keinerlei Kurschwankungen einkalkuliert werden müssen. Wer mit der Kontoverzinsung zufrieden ist, wird nach Abzug der Inflation kaum in der Lage sein, das Mindestziel zu erreichen: den Erhalt der Kaufkraft des angelegten Kapitals.

Wie man eine schlechte Rendite vermeiden kann

In diesem Sinne ist es auch ein Risiko, zu wenig rentabel, also zu schwankungsarm, anzulegen. Daraus resultiert auf den ersten Blick ein Widerspruch: Man muss bei der Vorsorge für das Alter risikoreicher anlegen, um das Risiko einer zu schlechten Rendite zu vermeiden. Aber angesichts des langen Anlagehorizonts relativiert sich die Wahrscheinlichkeit sehr großer Verluste deutlich. Zwischenzeitliche Kursrücksetzer können über die Zeit wieder aufgeholt werden.

Das Altersvorsorgedepot: Mehr Chancen durch Aktien

Auf dieser Erkenntnis fußt die Idee des vom Bundestag im Rahmen des Altersreformgesetzes beschlossenen Altersvorsorgedepots. Es soll ab dem 1. Januar 2027 die Riester-Rente ablösen und sieht explizit die Anlage in Aktien und Aktienfonds vor. Wie bei der Riester-Rente werden Anlagebeträge staatlich bezuschusst. Nutzen kann man das Altersvorsorgedepot eines privaten Anbieters oder ein öffentlich organisiertes Standarddepot, wodurch die Kosten gedeckelt werden. Eine der wichtigsten Regelungen im Vergleich zu Riester ist der Wegfall der Notwendigkeit, einmal eingezahlte Beträge zu garantieren. Denn diese Garantien – man könnte auch sagen Verlustversicherungen – kosten Geld und verbrauchen damit einen Großteil der bei einer Kapitalanlage an den Aktienmärkten zu erwartenden Renditen. Bei ausreichend langem Anlagehorizont – wie im Falle der Altersvorsorge üblich – geht der Mehrwert der Garantie ohnehin gegen null. Denn Aktienmärkte haben sich in der Vergangenheit über jahrzehntelange Anlagehorizonte hinweg und trotz zwischenzeitlich teils heftiger Einbrüche in aller Regel positiv entwickelt, unter anderem getrieben durch immer neue technologische Fortschritte.

Mehr Aktienkapital für Anleger und den Standort Deutschland

Das Altersvorsorgedepot kann dazu beitragen, das Engagement deutscher Kapitalanleger am Aktienmarkt deutlich zu erhöhen. Bei zuletzt vom Deutschen Aktieninstitut vermeldeten gut 14 Millionen Besitzern von Aktien und Aktienfonds besteht noch Luft nach oben. Der Vorteil läge in einer besseren Aussicht auf höhere Renditen im Einzelfall. Aber auch gesamtwirtschaftlich ergäbe sich ein positiver Effekt. Denn für die in Deutschland dringend benötigten Investitionen zur Erhöhung der Resilienz braucht es neben staatlichen Zuschüssen vor allem auch privates Kapital in nennenswertem Umfang. So kann jeder Anleger durch eine Beteiligung am Produktivkapital der Volkswirtschaft dazu beitragen, den Standort Deutschland wieder voranzubringen und durch Beobachtung des Depots sowie dessen Einflussfaktoren ein besseres Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge und die Notwendigkeit politischer Reformen zu bekommen.

Können wir Sie bei der Planung Ihrer Altersvorsorge unterstützen? Dann sprechen Sie uns gern an!

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