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Wirtschaft – Gesellschaft – Zukunft

Der Einfluss von KI auf Mensch und Wirtschaft

27. September 2023 / Carsten Mumm, Chefvolkswirt

KI als Heilsbringer oder Gefahr?

Ein Blick in die Zukunft: Auswirkungen von KI auf Arbeitswelt und Wirtschaft

Die Menschheit steht vor fundamentalen Veränderungen. Die demografischen Herausforderungen angesichts immer mehr Menschen weltweit und zunehmend älteren Bevölkerungen in vielen Industriestaaten, der Klimawandel bzw. dessen Bekämpfung und geopolitische Umwälzungen sind nur einige Beispiele. All diese Hürden, die es zu bewältigen gilt, werden in den kommenden Jahren einen Schub an Innovationen hervorbringen.

Eine der hoffnungsvollsten Entwicklungen ist die Künstliche Intelligenz (KI). Mit ihrer Hilfe könnte es in Zukunft möglich sein, Krankheiten früher zu erkennen, den Fachkräftemangel zu lindern, autonom zu fahren oder heute noch kaum vorstellbare Aufgaben schneller und sicherer zu erledigen.

Der grundlegende Vorteil von KI ist, dass riesige Datenmengen in sehr kurzer Zeit ausgewertet werden können. Dadurch  kann KI helfen, andere Technologien bzw. KI-Anwendungen überhaupt erst zu entwickeln oder erheblich zu verbessern.

Auch deswegen kann das tatsächliche Potenzial der Technologie derzeit kaum abgeschätzt werden, denn die Entwicklung steht gerade erst am Anfang und viele künftige Einsatzbereiche sind noch nicht annähernd absehbar.

Wofür wird die KI aktuell genutzt?

Teilweise sind von Künstlicher Intelligenz unterstützte Prozesse bereits im Einsatz, bspw. bei Sprachassistenten, Navigationsgeräten oder Gesichtserkennung. Eine weitreichende Einführung der Technologie in geschäftliche Prozesse steht jedoch erst bevor. So beschäftigten sich im Jahr 2022 gerade einmal 38 Prozent aller Unternehmen in Deutschland mit KI. Es ist jedoch davon auszugehen, dass angesichts der facettenreichen Einsatzmöglichkeiten grundsätzlich in jedem Geschäftsbereich KI-Anwendungen implementiert werden können.

Nach Schätzungen des „EP Think Tanks 2020“ des Europäischen Parlaments könnte die Arbeitsproduktivität, also der Output bezogen auf den Arbeits- und Materialeinsatz, im Zusammenhang mit KI bis zum Jahr 2035 um 11 bis 37 Prozent gesteigert werden. Bis 2023 könnte KI demnach einen Beitrag zur Verringerung der globalen Treibhausgasemissionen in Höhe von 1,5 bis 4 Prozent leisten. Allein in den Anwendungsfeldern Hardware, Software und IT-Services dürfte der weltweite Umsatz im Bereich Künstlicher Intelligenz zwischen 2021 und 2024 von rund 380 Mrd. auf mehr als 550 Mrd. US-Dollar steigen. Unternehmen aus diesen Sektoren, insbesondere  die Hersteller der notwendigen Ausrüstung zur Erforschung und Anwendung der Technologie, werden in den kommenden Jahren mit Sicherheit profitieren. Schon länger wird versucht, dieses Potenzial an den Aktienbörsen einzupreisen, wie im Frühjahr dieses Jahres anhand des von vielen zum KI-Hype erklärten Kursaufschwungs vieler Technologieaktien erkennbar war.

KI-Gesetz zur Regulierung von KI-Technologien

Auslöser der deutlichen medialen und öffentlichen Aufmerksamkeit war vor allem die Veröffentlichung des Textgenerators ChatGPT. Erstmals wurde in einer breiten Öffentlichkeit über das Für und Wider von KI-basierten Anwendungen diskutiert. So gibt es auch erhebliche Zweifel bis hin zu konkreten Befürchtungen negativer Auswirkungen der Technologie. Dabei ist der potenzielle Verlust von Jobs angesichts des derzeit allgegenwärtigen Personalmangels noch einer der überschaubaren Aspekte.

Beispielsweise geht der EP Think Tank 2020 davon aus, dass 46 Prozent aller Arbeitsplätze in den Staaten der OECD durch KI ersetzt werden könnten oder erhebliche Veränderungen durch die Technologie erfahren werden.

Geäußerte Ängste entwerfen – bisher rein technologisch kaum mögliche – Szenarien von selbständig agierender KI, die Menschen beherrschen könnte. Auch wenn die Komplexität und der Umfang möglicher Entwicklungen kaum treffsichere Vorhersagen zulassen, ist eine intensive Beschäftigung mit den Risiken und Chancen der Technologie in diesem Fall besonders wichtig. Es gilt, realistische Erwartungen von Mythen und Dystopien abzugrenzen.

Vertrauensbildend kann hierbei die Regulierung wirken. In der Europäischen Union (EU) wird derzeit an der Einführung eines „AI Acts“ gearbeitet, also eines Gesetzes, das die Bereitstellung und Verwendung von Künstlicher Intelligenz reguliert. So soll für mit KI erstellte Inhalte künftig nachgewiesen werden, dass bei der Nutzung vorhandener Ressourcen keine Urheberrechte verletzt wurden. Plagiate sollten also auch für Künstliche Intelligenz Tabu sein.

AI Act soll Auswirkungen von KI auf grundlegende Menschenrechte regulieren

Ein viel brisanterer Aspekt der Regulierung ist allerdings die offene Frage, wie man sicherstellen kann, dass auf KI basierende Anwendungen ethisch korrekt handeln. Der AI-Act konzentriert sich daher auf „Hoch-Risiko-AIs“, in denen es um direkte Auswirkungen auf Menschen geht, bspw. bei Vorstellungsgesprächen oder medizinischen Untersuchungen. In diesen Fällen müssen KI-basierte Entscheidungen protokolliert und bei Bedarf Entscheidungsgrundlagen erörtert werden. Zudem sind die Auswirkungen auf grundlegende Menschenrechte zu bewerten.

Die Regulierung ist eine Gratwanderung zwischen dem Setzen gewünschter Leitplanken und dem Abwürgen von Innovation.

Ein Verständnis von Auswirkungen und Zusammenhängen zu erhalten, ist Grundvoraussetzung beim Umgang mit neuen Technologien. Beim Thema KI ist hier aber eine besondere Sorgfalt geboten. Ein passender regulatorischer Rahmen ist eine Chance für Europa, verloren gegangene Wettbewerbsfähigkeit wiederzuerlangen, wenn eine grundsätzliche Technologieoffenheit besteht. KI sollte als Werkzeug betrachtet werden, um mit weniger Aufwand sowie geringerem Schaden für die Umwelt mehr zu produzieren.

Fazit: Kein Weg führt an der KI vorbei

Die Anwendungsmöglichkeiten der KI sind enorm, können heute aber nur grob prognostiziert werden. Die künftige Entwicklung ist so dynamisch, dass – abgesehen von den Herstellern von KI-relevanter Hard- und Software – kaum vorhergesagt werden kann, welche Unternehmen besonders stark von künftigen Entwicklungen profitieren werden. Aus Sicht der Kapitalanlage wird man kaum vermeiden können, sich früher oder später mit den Möglichkeiten genauer auseinanderzusetzen, denn nahezu alle Unternehmen werden KI-Anwendungen implementieren (müssen).

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