Zinsen steigen: Ursachen, Perspektiven und Auswirkungen auf Anleger
Die Zinsen sind in den vergangenen Monaten weltweit deutlich gestiegen. Auslöser waren vor allem höhere Energiepreise, steigende Inflationsraten und veränderte Erwartungen an die Geldpolitik der Notenbanken. Wie weit kann die Zinsentwicklung noch gehen und welche Folgen ergeben sich für Anleger, Kreditnehmer und die Kapitalmärkte?
Energiepreisschock aus dem Nahen Osten
Die Eskalation des Irankonflikts Ende Februar und die folgende weitgehende Sperrung der Straße von Hormus für den Schiffsverkehr hat zu erheblichen Lieferkettenunterbrechungen geführt. In der Folge sind unter anderem die Preise für Rohöl weltweit massiv angestiegen und verharren seitdem fast durchgehend auf Niveaus nahe der Marke von 100 US-Dollar (Nordseesorte Brent).
Nur kurzzeitig fielen die Notierungen Anfang Juli aufgrund von Hoffnungen auf eine Einigung zwischen den USA und dem Iran unter 80 Dollar. Da bisherige Bemühungen um eine Wiedereröffnung der Meerenge vergeblich waren, schwinden diese jedoch zunehmend. So wird die Wahrscheinlichkeit für eine reibungslose Passage bis zum Jahresende an Online-Wettmärkten mittlerweile auf nur noch 20 Prozent taxiert.
Eine zeitnahe Friedenslösung ist trotzdem möglich, gerade weil der ökonomische Schaden für alle Beteiligten enorm ist. Bisher schienen jedoch ideologische Aspekte bei wesentlichen politisch Verantwortlichen schwergewichtiger zu sein.
Hohe Energiepreise treiben die Inflation
Die offensichtlichste Folge des globalen Energiepreisschocks sind anhaltend hohe Spritpreise an den Tankstellen. Da größere Raffineriekapazitäten zerstört wurden, nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Russland, ist Diesel noch stärker betroffen als andere Kraftstoffe. Entsprechend sind die Inflationsraten angestiegen.
Während die Energiepreiskomponente die Teuerung seit März antreibt, sind nennenswerte Zweitrundeneffekte bisher ausgeblieben. Anders war es im Jahr 2022, als nahezu alle globalen Lieferketten im Zuge des Nach-Corona-Nachfragebooms zum Bersten angespannt und auch Gasnotierungen sowie in der Folge nahezu alle Preise für Waren sowie Löhne erheblich angestiegen waren.
Selbst wenn die Energiepreise im Laufe des anstehenden Winterhalbjahres auf der Nordhalbkugel der Erde noch einmal anziehen sollten, sind hohe einstellige oder gar zweistellige Inflationsraten daher diesmal nicht zu erwarten.
Sollten die Rohölpreise auch in den kommenden Monaten auf den erhöhten Niveaus verharren, aber nicht weiter ansteigen, würde die Inflation ab März 2027 voraussichtlich wieder sinken. Denn bei der Inflationsberechnung ist der jeweilige Vorjahrespreis relevant. Da im März 2026 erstmals die hohen Energiepreise zutage traten, würde die Veränderungsrate der Energiepreiskomponente und damit die Inflation sinken, obwohl die Preise an den Tankstellen hoch blieben.
Warum steigende Inflation zu höheren Zinsen führt
Steigende Inflation wirkt direkt und gleichgerichtet auf der Zinsseite. Einerseits erhöhten die Europäische Zentralbank (EZB), die US-Notenbank Fed und die japanische Bank of Japan ihre Leitzinsen um jeweils 0,25 Prozentpunkte. Besonders bemerkenswert war der Zinsschritt der Fed, denn US-Präsident Trump hatte wie schon seit Jahren auch vor dieser Sitzung des Entscheidungsgremiums Mitte September vehement Zinssenkungen gefordert.
Zudem haben Käufer von Staatsanleihen nicht nur den nominalen, sondern vor allem den realen Zinsertrag im Blick, also nach Abzug der Inflation. Um die Kaufkraft des angelegten Kapitals zu erhalten, verlangen Anleger daher bei höherer Teuerung einen höheren Zins.
Anleiherenditen und Hypothekenzinsen weltweit aufwärts gerichtet
Entsprechend legte die Rendite einer zehnjährigen deutschen Staatsanleihe zwischen Mitte Februar und Mitte März von 2,65 auf 3,10 Prozent p.a. zu. Anfang August erfolgte dann noch einmal ein Renditeanstieg auf 3,60 Prozent p.a. Ende September, ein Niveau, das zuletzt Ende 2008 erreicht wurde.
Da der Energiepreis- und damit der Inflationsanstieg ein globales Phänomen war, stiegen auch die Renditen in anderen Volkswirtschaften in vergleichbarer Größenordnung an und zogen die Verzinsungen von Unternehmensanleihen und Kreditkonditionen, beispielsweise Hypothekenzinsen, mit nach oben. So notierte der 30-jährige Hypothekensatz in den USA Ende September auf dem höchsten Stand seit 2023 bei 7,30 Prozent p.a.
Warum die US-Zinsen besonders betroffen sind
Die Entwicklung der US-Zinsen stand in den letzten Wochen besonders im Fokus, denn hier fiel der Anstieg besonders kräftig aus. Im Laufzeitenbereich von zehn Jahren legten die Renditen von Staatsanleihen innerhalb eines Monats um 0,5 Prozentpunkte auf 5,30 Prozent p.a. zu.
Entsprechend verteuerte sich die Refinanzierung der sehr hohen Staatsschulden in Höhe von mehr als 4 Billionen Dollar beziehungsweise nahezu 120 Prozent bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das Finanzministerium versuchte mit verschiedenen Interventionen an den Kapitalmärkten den rasanten Zinsanstieg zu stoppen, allerdings bisher ohne nennenswerten Erfolg.
Erschwerend kommt hinzu, dass neben dem Staat zunehmend auch Unternehmen erhebliche Summen an Fremdkapital über die Emission von Anleihen aufnehmen. Vor allem große US-Tech-Konzerne finanzieren so ihre milliardenschweren Investitionen in Datencenter, Energieversorgung und Halbleiter, um den weiteren Ausbau ihrer Anwendungen aus dem Bereich Künstlicher Intelligenz voranzutreiben.
Ein größeres Angebot an Anleihen traf entsprechend auf eine wenig veränderte Nachfrage mit der Folge steigender Zinsen.
Ausblick: Wie entwickeln sich die Zinsen weiter?
Die weiteren Zins-Perspektiven hängen kurzfristig vor allem von der Entwicklung der Rohölpreise und damit von der militärischen Lage im Nahen Osten ab. Anzeichen für eine Entspannung dürften die Inflationssorgen dämpfen.
Derzeit mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartete weitere Leitzinsschritte der Notenbanken könnten dann ausbleiben und der Anstieg der Marktzinsen ebenfalls gebremst werden beziehungsweise zu sinkenden Renditen führen.
Sollten die Zinsen hingegen weiter deutlich ansteigen und die Refinanzierungsfähigkeit hoher Staatsschulden gefährden, müssten die Notenbanken eingreifen und durch verbale Interventionen oder durch den Ankauf von Staatsanleihen die Gemüter an den Börsen beruhigen. Das Ziel der Preisniveaustabilität würde in diesem Fall vorübergehend in den Hintergrund rücken.
Mittelfristige Perspektiven für die Kapitalmärkte
Mittelfristig ist jedoch nicht mit deutlich tieferen Zinsniveaus zu rechnen. Denn global hohe Staatsschuldenniveaus bei gleichzeitig zumeist hohen jährlichen Haushaltsdefiziten und die anhaltenden privatwirtschaftlichen Investitionen von Unternehmen werden das Angebot an neuen Emissionen hoch halten.
Zudem sorgen geopolitische Unsicherheiten, wiederkehrende Lieferkettenunterbrechungen und Handelskonflikte global für höhere Produktionskosten. Und der demografische Wandel dürfte zumindest teilweise für stärker steigende Löhne sorgen.
Was bedeuten höhere Zinsen für Anleger?
Anders als zu Zeiten der Null- und Negativzinsen bleiben verzinsliche Kapitalanlagen somit eine Alternative. Da auch die Inflation im Mittel der kommenden Jahre eher oberhalb des Zielniveaus der EZB von 2 Prozent verharren dürfte, wird der Realkapitalerhalt mit ausschließlich sehr bonitätsstarken Anleihen aber kaum möglich sein.
Es sollten daher weiterhin auch Anlagen mit einem inflationsausgleichenden Charakter, sogenannte reale Kapitalanlagen wie Aktien, Edelmetalle oder Immobilien, sowie Unternehmens- oder Schwellenländeranleihen Berücksichtigung finden.