• Ein Mann mit grauem Bart und Brille sitzt nachdenklich an einem Tisch. Er trägt ein hellblaues Hemd und hat eine Hand am Kopf. Im Hintergrund sind Kunstwerke und Pflanzen zu sehen.

D&R in den Medien

Vermeintlich schwierige Investments können plötzlich glückselig machen

05. Juli 2022 / Hans-Jürgen Dannheisig, Exxecnews Institutional

aus EXXECNEWS Institutional (Ausgabe 6, Juli 2022)

Vermögen verpflichtet. Ein Anspruch, den Banken immer stärker auf Ihren Fahnen stehen haben. Das beinhaltet Engagement für Umwelt und Gesellschaft ebenso, wie die politische Auseinandersetzung. Darüber und über den Korrekturbedarf des regulatorischen Umfeldes durften wir mit Markus Vitt, ehemaliger Vorstandssprecher des Bankhauses Donner&Reuschel reden.

ENI: Herr Vitt Sie sind seit 20 Jahren als Vorstand für das Bankhaus verantwortlich – zunächst bei Conrad Hinrich Donner, seit 2010 als Vorstandssprecher für donner & reuschel. Was hat sich in dieser Zeit grundlegend in Ihrer Arbeit verändert?

Vitt: Mit dem Erwerb des Bankhaus Reuschel & Co. KG und der erfolgreichen Integration der beiden Bankhäuser zur Donner & Reuschel AG sind wir zu einem starken und sehr präsenten Partner für unsere Kunden in ganz Deutschland geworden. Gemeinsam mit unserem Gesellschafter, der Signal Iduna, haben wir damit vor einen expansiven Kurs eingeschlagen, der bis heute anhält. So sind die Veränderungen in den letzten zwei Jahrzehnten stark von hoher Kunden- und Mitarbeiterorientierung und nachhaltigem Wachstum geprägt. Eher hinderlich hingegen sind die äußeren Einflüsse durch die aufsichtsrechtliche Regulatorik mit vielen sinnigen, aber auch vielen unsinnigen und höchst umstrittenen Regelungen. Das hat sich in den letzten 20 Jahren spürbar verschärft.

ENI: Auf welche Teile der Entwicklung sind Sie besonders stolz?

Vitt: Zunächst natürlich auf die Akquisition und erfolgreiche Integration von Reuschel. Wir haben uns als Bewerber für die Übernahme des Bankhauses damals gegen mehr als 50 andere Bieter durchgesetzt, das muss man erstmal schaffen. Persönlich blicke ich aber auch auf die Gründung der Signal Iduna Asset Management (SIAM) sehr gerne zurück, die ich 2003 parallel zu meiner Tätigkeit bei der Bank als Projektmanager umsetzen und als Geschäftsleiter verantworten durfte. Das war damals der Startschuss für die bis heute sehr erfolgreiche Professionalisierung im Asset Management der Gruppe.

ENI: Die Bankenlandschaft und die Finanzindustrie allgemein hat ein schwieriges Umfeld. Welche Entwicklungen sehen Sie aktuell besonders kritisch?

Vitt: Die regulatorischen Rahmenbedingungen in Europa sorgen für eine sehr bedenkliche Wettbewerbsverzerrung, weil die Umsetzung in den einzelnen EU-Staaten oft sehr unterschiedlich ist. Deutschland bugsiert sich mit seiner Detailverliebtheit und seinem komplexen Ordnungssinn im europäischen Vergleich ins Hintertreffen, während andere Staaten zu einem geschmeidigeren Vorgehen neigen.
Zudem ist der deutsche Bankensektor durch seine drei Sektoren und die zum Teil sehr kleinen Institutsgrößen von zahlreichen Besonderheiten geprägt, die nicht immer förderlich für die Branche sind. Damit meine ich zum Beispiel den absolut berechtigten und wichtigen Aufruf des früheren Bundesbank-Vorstandsmitglieds Andreas Dombret an die Bankenbranche, sich der Digitalisierung nicht zu verschließen, sondern neue Wege zu gehen. Das war vor sechs, sieben Jahren, als FinTechs die Märkte eroberten. Die Wirklichkeit ist leider, dass die großen Kernbankensystemdienstleister ganz spezifisch auf die Institutsgruppe der Sparkassen- und Volksbankenorganisation ausgerichtet sind und private Banken kaum eine Chance haben, eine für ihren Bedarf adäquate und flexible Lösung zu finden. Hier müssen immer wieder Kompromisse gemacht oder Sonderlösungen entwickelt werden, um den Anschluss nicht zu verlieren. Das kostet zudem viel Zeit.

ENI: Der systematische Umgang mit Risiken ist die Challenge. Wo sehen Sie dringenden Korrekturbedarf?

Vitt: Zunächst einmal halte ich es für grundsätzlich falsch, Risiko per se als negativ einzustufen. Es ist doch wie beim Fieber: Gelegentlich brauchen wir es, um wieder gesund zu werden und die normale Betriebstemperatur des Körpers wieder herzustellen. Übertragen auf die Finanzwelt heißt das, dass wir Risiken aktiv eingehen, um damit Erlöse zu erwirtschaften. Ein Risiko nicht einzugehen, ist ein Risiko, das gilt es zu begreifen.
Ich halte gesunden Risikoappetit, natürlich bei gegebener Risikotragfähigkeit für etwas grundsätzlich Positives. Gerade Banken haben ja ihre Existenzberechtigung in der Risikotransformation, und Versicherungen eben auch. Anleger müssen ebenfalls attraktive Chance-/Risikokonstellationen suchen. Exemplarisch lassen sich da die in den USA oder Norwegen üblichen Pension-Funds anführen. Dort werden erhebliche und vermeintlich riskante Mittel in die Kapitalmärkte investiert, die sich aber langfristig als sehr stabil erweisen. Hierzulande hingegen sind wir in der öffentlichen Diskussion immer noch der Meinung, nur Staatsanleihen seien sicher… Bei der Gelegenheit erleben wir auch in der aktuellen Inflationsdiskussion deutliche Veränderungen im Zinsmarkt. Die EU-Staaten entwickeln sich deutlich auseinander. Das regulatorische „Nullrisiko“ entsprich nicht der Lebenswirklichkeit und führt tendenziell zur Fehlsteuerung, wenn man das nicht aktiv angeht.

ENI: Welche Entwicklungen geben Ihnen Hoffnung, dass alles in die richtige Richtung gehen kann?

Vitt: Ich bin guter Hoffnung, dass der Wettbewerb zwischen den verschiedenen Instituten, Investmenthäusern und Kapitalmarktteilnehmern die Entwicklung positiv beeinflussen wird. Eine sportliche Auseinandersetzung im Markt ist immer gut und fördert Innovation – erst recht in so schwierigen Zeiten wie diesen.

ENI: Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Ihr Haus stellt sich dem Thema aktiv. Was ist ihre Vorgehensweise?

Vitt: Ja, wir beschäftigen uns mit dem Thema schon seit Jahren intensiv, schließlich sollte man anderen keine klugen Ratschläge geben, wenn man sich nicht selbst damit auseinandergesetzt hat. Man lernt schneller, wenn man bei sich anfängt. Und gerade beim Thema Nachhaltigkeit ist der Weg das Ziel. Die qualifizierte Diskussion ist im Moment das Wichtigste, denn angesichts der sich doch rasant ändernden Umstände kann sich der ursprünglich sinnvoll eingeschlagene Weg als plötzlich nicht mehr ganz so sinnvoll erweisen. Wer hätte noch vor einem Jahr bei nachhaltigen Energieträgern an Atomkraft gedacht? Solche vermeintlich schwierigen Investments können plötzlich „glückselig“ machen, aber wir müssen da tiefer denken als sonst. Nachhaltigkeit umfasst auch Folgewirkungen wie Logistik, Transport, Entsorgung, Beschäftigungsbedingungen. Das sind alles sehr relevante Aspekte.
Der Investmentprozess ist unter dem Begriff der Nachhaltigkeit also deutlich komplexer als unter herkömmlichen Aspekten. Es verbergen sich dahinter aber auch enorme Renditepotenziale, die sich vielleicht nicht unmittelbar zeigen, aber langfristig. Wir haben unsere eigenen Kompetenzen auf diesem Feld durch unsere erfolgreiche Kooperation mit Globalance sprunghaft erweitert. Dadurch profitieren nicht nur wir in Form von fundierten Erkenntnissen, sondern auch unsere Kunden – in Form von Performance und Vertrauen. Die Datenbasis für bessere ESG-Investment-Entscheidungen muss sich aber noch deutlich entwickeln.

ENI: Immer wieder erhält Donner & Reuschel Anerkennung als besonders guter Arbeitgeber. Welche Rolle hat bei der strategischen Weiterentwicklung des Hauses Ihr Team?

Vitt: Unsere Mitarbeiter sind der Rohstoff für unseren Erfolg. Wir legen großen Wert auf ein achtsames, engagiertes und sportliches Miteinander. Das hält uns in Bewegung und fördert die Leistungsbereitschaft und den Fokus auf unsere Kunden. Diese Interaktion unter allen in der Bank ist hierarchieübergreifend die Grundvoraussetzung für unsere Glaubwürdigkeit. Das gilt in alle Richtungen, und ich betone gerne immer wieder, dass für das Feedback jedes einzelnen Mitarbeiters in Richtung Unternehmensführung immer Raum da ist, das kann meinetwegen auch noch viel mehr genutzt werden. Wir können nur besser werden, wenn wir einander zuhören und uns ernst nehmen.

ENI: Ihr Haus engagiert sich sozial und kulturell. Welche Rolle sehen Sie für die Bank in der Gesellschaft?

Vitt: Banken müssen – wie alle anderen auch – ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten. Die Gesellschaft wäre sonst sehr arm. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir uns durch karitative Arbeit, Ehrenämter, Jugendarbeit oder eben durch Spenden und finanzielle Förderung engagieren. Eine gesunde Gesellschaft lebt davon, dass jeder gibt, was er kann. Wir haben schließlich nicht alle dieselben Voraussetzungen. Entscheidend ist das friedliche Zusammenleben, das wohlwollende und unterstützende Miteinander. Wir investieren deshalb viel Zeit darin, die richtigen Projekte auszuwählen und unterstützen jedes Jahr ganz unterschiedliche Initiativen. Es ist großartig, wie vielseitig diese Landschaft ist.

ENI: Was sind Ihre wichtigsten Ziele für die nächsten Monate?

Vitt: Im Moment geht es vor allem darum, uns und die Vermögen unserer Kunden erfolgreich durch die Kriegssituation und die Inflation zu führen, indem wir die Vermögensanlagen wetterfest halten. Und wir müssen dann erkennen, wann der „Frühling“ kommt, damit wir die richtigen Impulse setzen, die richtigen Schritte gehen, Samen für die Zukunft säen – und die Ernte nicht verschlafen.

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